Meditation verdrahtet das Gehirn neu: Neue Studie bestätigt aktives neuronales Engagement

Entgegen der landläufigen Meinung geht es bei der Meditation nicht nur darum, „den Geist frei zu bekommen“. Neuere Forschungen zeigen, dass diese alte Praxis die Gehirndynamik aktiv verändert und eher zu einer erhöhten Gehirnaktivität als zu einem Ruhezustand führt. Eine von Forschern der Universität Montreal und dem Nationalen Forschungsrat Italiens durchgeführte Studie, die in der Zeitschrift Neuroscience of Consciousness veröffentlicht wurde, analysierte die Gehirnwellen erfahrener buddhistischer Mönche mithilfe fortschrittlicher Magnetenzephalographie (MEG)-Technologie.

Zwei Wege zu veränderten Zuständen

Die Studie konzentrierte sich auf zwei zentrale Meditationstechniken: Samatha – anhaltende Aufmerksamkeit, die auf einen einzigen Punkt, wie den Atem, gerichtet ist, um tiefe Ruhe und Konzentration zu erreichen – und Vipassana – gleichmütige Beobachtung von Gedanken und Empfindungen, um geistige Klarheit zu fördern. Professor Karim Jerbi, Co-Autor der Studie, sagt: „Mit Samatha verengen Sie Ihren Fokus; mit Vipassana erweitern Sie ihn.“ Beide Techniken greifen jedoch aktiv auf Aufmerksamkeitsmechanismen zurück.

Das Gehirn am Rande des Chaos

Das Forschungsteam maß neuronale Schwingungen, Signalkomplexität und ein Konzept namens „Kritikalität“, das der Physik entlehnt ist und Systeme beschreibt, die zwischen Ordnung und Chaos operieren. Ein Gehirn in diesem „kritischen Zustand“ ist im Gegensatz zu einem starren oder chaotischen Gehirn optimal flexibel und anpassungsfähig. Jerbi erklärt: „Zu wenig Flexibilität führt zu schlechter Anpassung, während zu viel Chaos zu Fehlfunktionen führen kann … Der entscheidende Punkt ist das Gleichgewicht zwischen Stabilität und Anpassungsfähigkeit.“

Dynamische Komplexität, keine statische Ruhe

MEG-Scans zeigten, dass sowohl die Samatha- als auch die Vipassana-Meditation die Komplexität der Gehirnsignale im Vergleich zu Ruhezuständen erhöht. Das bedeutet, dass das Gehirn nicht einfach abschaltet, sondern in einen hochaktiven, informationsreichen Zustand übergeht. Interessanterweise ergab die Studie, dass beide Techniken zwar die Gehirnkomplexität steigern, dies jedoch auf unterschiedliche Weise. Vipassana bringt das Gehirn näher an die optimale Balance aus Stabilität und Flexibilität, während Samatha einen fokussierteren, stabileren Zustand schafft.

Warum das wichtig ist

Diese Ergebnisse stellen gängige Missverständnisse über Meditation in Frage und liefern konkrete Beweise für ihre neurologischen Auswirkungen. Ein Gehirn, das nahe seinem kritischen Punkt arbeitet, ist besser darauf vorbereitet, Aufgaben zu wechseln, effizient zu lernen und auf neue Situationen zu reagieren. Diese Forschung liefert eine wissenschaftliche Grundlage für die kognitiven Vorteile, die seit langem mit Meditation verbunden sind, und legt nahe, dass konsequentes Üben die Gehirnfunktion umgestalten und so zu mehr Leistung und Belastbarkeit führen kann.

Letztendlich unterstreicht die Studie, dass Meditation keine passive Entspannung ist, sondern ein aktiver Prozess der neuronalen Neuverdrahtung, der zu einem dynamischeren und reaktionsfähigeren Gehirn führt.